Standpunkt der Präsidentin

Das Wort der Präsidentin

Liebe Strahlenschützerinnen und Strahlenschützer, liebe FS-Mitglieder,

ich möchte ein Thema aufgreifen, welches schon mehrfach in Sitzungen/Konferenzen des FS sowie in Gesprächen und Diskussionen aufgeworfen wurde und nun durch einen am 30. Mai d.J. von Prof. A. D. Thess / Inhaber des Lehrstuhls für Energiespeicherung der Universität Stuttgart veröffentlichten Offenen Brief an die Professoren der „Ethikkommission Atomkraft“ ein starkes Medienecho erlebt und auch die Mitglieder im FS erreichte. In diesem Brief kritisierte er das Professorenkollegium, insbesondere den seinerzeitigen Vorsitzenden, welches im Jahr 2011 innerhalb von nur zwei Monaten einen Abschlussbericht „Deutschlands Energiewende – Ein Gemeinschaftswerk für die Zukunft“ verfasst hatte, der den vorzeitigen Ausstieg Deutschlands aus der Nutzung der Kernenergie mit vorbereitete. Wie der Autor selbst feststellt, geht es ihm in dieser Kritik nicht um den Atomausstieg „Richtig oder Falsch“. Er spricht in erster Linie die Unabhängigkeit und Fachkompetenz des Professorenkollegiums an und dies nach inzwischen 10 Jahren. Man kann über Form und Zeitpunkt dieses Briefes geteilter Meinung sein. Das Thema Kernenergie betrifft aber noch immer viele Mitglieder beruflich. 

Das Direktorium des FS vertritt die Meinung, dass die politische Entscheidung des Atomausstiegs kein Strahlenschutzthema ist und daher auch hier nicht zur Debatte steht. Der FS hat sich die Förderung des Strahlenschutzes als Wissenschaft und als Beruf zum Ziel gesetzt. Trotzdem sollten wir uns mit dem Brief befassen, da er Fragen aufwirft, mit denen viele Mitglieder in ihrer beruflichen Tätigkeit, als Mitglied von Beratungsorganisationen wie SSK, ESK, RSK und KSR (CH) oder Auftragnehmer und Gutachter für staatliche Organisationen konfrontiert sein können. 

Vor einigen Jahren hat der FS ethische Leitlinien für die beruflichen Aktivitäten der Mitglieder im Strahlenschutz erstellt und als Ethik-Code veröffentlicht. Im Heft 2/2015 der Strahlenschutzpraxis wurde darüber diskutiert. Rainer Gellermann wies damals darauf hin, dass die praktische Umsetzung dieser Leitlinien Fragen aufwirft, denen wir uns stellen müssen. Aus meiner Sicht muss ich leider feststellen, dass in den vergangenen Jahren diese Fragen zwar bei den Thesen der „Strahlenschutzphilosophen“ Berücksichtigung fanden, jedoch in der praktischen Arbeit der FS-Mitglieder unzureichend beantwortet wurden. Ich habe den Offenen Brief von A. D. Thess, in dem genau diese Fragen angesprochen werden, zum Anlass genommen und mit Rainer Gellermann und weiteren FS-Mitgliedern diskutiert. In seinem Brief fragt A. D.Thess nach der nötigen Fachkompetenz bei der Beantwortung komplexer Fragen im politischen Kontext. Er stellt in Frage, ob Aufgaben aus der Politik widerspruchslos angenommen werden sollten oder im Zweifelsfall abgelehnt werden müssen. Er thematisiert den Stand der Kenntnisse, die ein Bearbeiter aufweisen müsste, insbesondere dann, wenn der Stand der Wissenschaft vertreten werden soll, und fragt schließlich, wie es gelingt, Fakten und Meinungen zu trennen. Alle diese Punkte sind auch für uns im Fachverband von hoher Aktualität und sollten zeitnah in den kommenden Monaten diskutiert werden. Eine gute Plattform bietet dafür unsere nächste FS-Jahrestagung in Aachen, an der ich hoffentlich wieder viele von Ihnen persönlich wiedersehen kann. Die Strahlenschutzpraxis aber auch die Internetseite des FS stehen ebenfalls für solche Diskussionen zur Verfügung. Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken und Kommentare. Übrigens, den Ethik-Code finden Sie auf der Internetseite des FS.

Renate Czarwinski

Präsidentin des Deutsch-Schweizerischen Fachverbandes für Strahlenschutz e.V.