Strahlenschutzaufgaben aktuell beleuchtet

Rückbau und Entsorgung: ein Resümee

Stilllegung und Entsorgung: Dies sind zwei Prozesse, die eng miteinander verknüpft sind. Die Entsorgung gibt vor, was zum Schluss bei der Stilllegung durchzuführen ist. Die Stilllegung insbesondere der kerntechnischen Anlagen stellt eine ganz wesentliche Quelle an radioaktiven Abfällen dar: Manche definieren die Stilllegung sogar als die Entsorgung einer ganzen Anlage.

Eine ganz besondere Quelle sind dabei die Anlagen der EWN, deren Stilllegung im Beitrag von Marlies Philipp dargestellt wird. Die Erfahrungen, die hier gewonnen wurden, sind wegweisend für viele andere Stilllegungsprojekte in und außerhalb Deutschlands. Mit der Stilllegung ändert sich nicht nur der Betrieb einer Anlage. Auch die Anforderungen an die Ausbildung des Personals verschieben sich in den Bereich Stilllegung und Entsorgung. Wie die Ausbildungsstätten hierauf reagieren, erläutert John Kettler und Andreas Havenith beispielhaft in ihrem Beitrag über Anpassungen des Ausbildungsprogramms beim AiNT in Aachen. Gute Ausbildung ist der Garant dafür, dass der Strom der radioaktiven Abfälle auch zielgerichtet von den Quellen zum Endlager führt.

Neben den großen Quellen gibt es auch noch viele kleine Anlagen wie z.B. Zyklotrone. Deren Stilllegung und Entsorgung wird exemplarisch im Beitrag von Bastian Degner erläutert. Auch der American Perspective-Beitrag von Andrew Karam fügt sich hier nahtlos ein. Forscherdrang und Entsorgungspflicht, das waren auch in Europa zwei schwer vereinbare Wesen. Anders aber als bei uns sind hier die Schnelligkeit und die Kosten für die Lösung der Aufgabe wichtig. So einfach kann Entsorgung sein, wenn ein Endlager vorhanden und in Betrieb ist und auch ausreichend Kapazität bietet. So spart man nicht nur Geld, sondern auch Dosis für die Beschäftigten.

Unabhängig ob kerntechnische Anlage oder nicht, die Freigabe stellt den wichtigsten Entsorgungspfad dar. Häufig werden bei Stilllegungsprojekten mehr als 95 % der anfallenden Reststoffe freigegeben. Die hierbei anfallenden rechtlichen Fragestellungen werden insbesondere für die spezifische Freigabe von Christian Raetzke diskutiert. Wie schwierig es manchmal ist, sich zwischen den Stromschnellen der konventionellen und radiologischen Bestimmungen durchzufinden, zeigt der Beitrag von Almut Geisler. Die Kombination von C-14, Glyphosat und AMPA im Boden ist sicherlich eine starke Herausforderung gewesen, wenn man eine spezifische Freigabe zur Deponierung erreichen will. Die Freimesstechnik kann auch hilfreich sein, wenn eine Entlassung von NORM geplant wird. Am Beispiel von Gipsrückständen bei der Herstellung von Phosphatdünger (Phosphorgips) zeigen Julia Stümpel et al., welche Lösungsmöglichkeiten es gibt, um den Gips in der Baustoffproduktion einzusetzen und so große Gipshalden abzubauen.

Radioaktive Abfälle, die ihr Ziel das Endlager erreichen wollen, müssen ausreichend charakterisiert werden. Martin Dürr et al. zeigen uns einen neuen Typ Fassmessanlage, bei der neben der radiologischen Charakterisierung auch eine Bestimmung der räumlichen Auflösung zerstörungsfrei möglich ist.

Flüsse werden bisweilen aufgestaut, das Wasser im See gespeichert. Ähnlich ergeht es uns auch bei der Entsorgung. Zwischenlager speichern die radioaktiven Abfälle bis zur Abgabe an ein Endlager. Für die Wahrnehmung der Aufgaben rund um die Zwischenlagerung ist 2017 eine neue Bundesgesellschaft, die BGZ gegründet worden, die Zwischenlager von den Betreibern schrittweise zu übernehmen. Im Beitrag von Max Würtemberger geht es u.a. darum, die an den 16 Standorten unterschiedlich realisierte strahlenschutztechnische Überwachung der Mitarbeiter zu harmonisieren. Bei der Entsorgung der radioaktiven Abfälle fällt auch Dosis für das Personal an. Eine Betrachtung, wieviel Dosis z.B. beim KTE anfällt (s. Beitrag von Kevin Horvatitsch) ist eine wichtige Grundlage für weitere Maßnahmen zur Dosisreduzierung.

Dass aber auch das Endlager kein Paradies ist, in dem die radioaktiven Abfälle so einfach verschwinden, wie das Flusswasser im Meer, wird uns durch den Beitrag von Guido Oesterreich et al. sehr deutlich. Atomrecht und Bergrecht sind 2 sehr unterschiedliche Welten, zwischen denen auch ich ständig am Pendeln bin. Erst bei korrekter Synchronisierung beider Rechtswelten läuft der Genehmigungsmotor, und man kommt mit der Genehmigung voran. Bei der Asse klappt dies mittlerweile. Diese Erfahrungen sind auch für das zukünftige Endlager Konrad wichtig, damit die Entsorgung in das Endlager ein Fluss ohne Wiederkehr ist.

Jörg Feinhals