Liebe Mitglieder
Tempus fugit.
Mir ist, als hätte ich gerade erst das Grußwort anlässlich meines Amtsantritts vor 2 Jahren als Präsident des Fachverbandes geschrieben.

Sicherlich sind zurzeit die internationalen Entwicklungen im Strahlenschutz ein bestimmendes Thema und hier speziell die verschiedenen Perspektiven wissenschaftlicher Perfektion versus praktische Anwendung und das Thema internationale Harmonisierung.

Ein Beispiel sind die Radon-Dosiskoeffizienten. Die internationale Strahlenschutzkommission, ICRP, schlägt neue Dosiskoeffizienten vor - in Verbindung mit einem komplexen dosimetrischen System. Die ICRP sieht eine gute Übereinstimmung mit epidemiologischen Risikoabschätzungen, jedoch ist die Folge eine ungefähre Verdopplung der Dosiskoeffizienten zur Umrechnung von Exposition in Dosis. Ist Radon plötzlich doppelt so gefährlich?

Zu diesem Thema hat das BMUKM zusammen mit dem BfS im April 2025 einen inter-nationalen Workshop ausgerichtet. Viele Länder setzen recht schnell die Empfehlungen der ICRP in nationales Recht um. Die schnelle Umsetzung sei der Weg des geringsten Wider-standes. Doch ist es das wirklich?
Wissenschaft lebt von stetem Hinterfragen und Verbessern. Beschreibt ein neues Modell die Natur signifikant besser als ein bestehendes, so ist das alte durch das neue zu ersetzen. Doch gilt das auch im vorliegenden Fall uneingeschränkt?
Sind die neuen Koeffizienten im Rahmen der Unsicherheiten, signifikant anders (und besser)? Unsicherheiten thematisieren wir im Strahlenschutz selten. Eine Unsicherheit von einem Faktor 2 ist aber bei Dosisfaktoren oder Dosiskoeffizienten üblich. Radon ist hier keine Ausnahme. Was wir aber für Radon haben, sind die besten epidemiologischen Daten aller Radionuklide zur Abschätzung des Risikos als Funktion der Exposition. Daraus begründet sich auch der Referenzwert von 300 Bq/m³ für Radon in Gebäuden. Im wissenschaftlichen Sinne kann man also fragen: Warum auf effektive Dosis umrechnen und dadurch weitere Unsicherheiten ins System bringen? Aufgrund der schon erfolgten Umsetzung einiger Staaten würde ein Beharren anderer Staaten bei dem bestehenden System einen regulatorischen Flickenteppich verursachen. Ein klassisches Problem der Harmonisierung.
Ein ähnliches Problem könnte von der Empfehlung der Internationalen Kommission für Strahlungseinheiten und Messung, ICRU, in ihrem Report 95 zu neuen Dosisgrößen ausgehen. Zu-nächst die Frage: Was ist ihr Vorteil gegenüber unseren bisherigen und wem nutzen sie? Im Bereich niedriger Photonenenergien wären mit dem neuen System die Messgrößen näher an den Schutzgrößen. Doch ist der messtechnische Aufwand groß, konforme Geräte sind noch nicht in ausreichendem Maße verfügbar. Und im praktischen Strahlenschutz muss die Frage wieder heißen: Schützen wir dadurch wirklich besser? Die Antwort ist vermutlich Nein. Auch hier muss am Ende wieder auf die inter-nationale Harmonisierung geschaut werden.
Was folgt daraus für uns? Es ist eine starke internationale Stimme des praktischen Strahlenschutzes nötig. Auch der FS muss inter-national sichtbar sein und gut vernetzt. Doch diese Umsetzung reicht schon in den Zeitraum der kommenden Präsidentschaft hinein. Daher gebe ich gerne den Stab an Martina Froning weiter und wünsche ihr schon hier an dieser Stelle alles Gute und viel Erfolg für die kommenden 2 Jahre.

Im November 2025
Clemens Walther

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