Standpunkt des Präsidenten

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

unsere Jahrestagung 2018 zur nichtionisierenden Strahlung ist Vergangenheit, ein Beispiel einer sehr erfolgreichen Zusammenarbeit des Fachverbands mit der Berufsgenossenschaft „Energie, Textil, Elektro und Medienerzeugnisse“ in Kooperation mit dem  Österreichischen Verband für Strahlenschutz. Dem Arbeitskreis NIR und dem Sekretär, wie auch Tagungspräsidenten, Hans-Dieter Reidenbach gebührt ein besonderer Dank für die hervorragende Organisation und die inhaltliche Gestaltung.

In der Mitgliederversammlung während der Jahrestagung wurde auf das Positionspapier unserer „Strahlenschutzphilosophen“ hingewiesen. Sie finden es als gekürzte Version in dieser Ausgabe der Strahlenschutzpraxis. Ein Kernpunkt ist die grundsätzliche Risikobewertung von Strahlung und die Konstruktion des daraus abgeleiteten Regelwerks im Strahlenschutz insbesondere unter Beachtung der Exposition durch natürliche Radioaktivität.

Neue Antworten auf alte Fragen werden gesucht:

  • Wie werden Schutzmaßnahmen bei natürlich vorhandenen Expositionen, bei geplanten Expositionen und bei Notfallexpositionen priorisiert?
  • Wie werden Maßnahmen im Strahlenschutz im Kontext mit weiteren Risiken gewichtet?
  • Wie wirken sich die Anforderungen der ICRP aus, zum Beispiel in Zusammenhang mit der Bewertung von Risiken durch Radon?

Das Verständnis in der Bevölkerung gegenüber der Gefährdung durch Strahlung muss weiter verbessert werden. Wie eignet sich hier das System von Grenz- und Richtwerten für geplante Expositionen und für Notfallexpositionen?

Ist das vorgeschlagene Ampelmodell eine Lösung? Ich denke ja, wenn die Bevölkerung Vertrauen in diejenigen setzen kann, die das Ampelsystem etablieren. Es weist mit dem gelben Bereich den erklärungsbedürftigen dynamischen, von der Expositionssituation abhängigen, Bereich aus, in dem restriktiv gehandelt werden kann, aber nicht muss. Der grüne Bereich muss hingegen eindeutig „gut“ sein, der rote Bereich eindeutig „gefährdend“. 

Dem Thema „Schutz vor Strahlung“ muss zudem in der Schulausbildung mehr Raum geboten werden. Unkenntnis in der Bevölkerung und unterschiedliche Bewertungen durch Bundesbehörden, Fachverbände und andere Experten sind der Nährboden für Verunsicherung und fehlerbehaftete politische Entscheidungen.

Wie lässt sich erreichen, einerseits den Umgang mit radioaktiven Stoffen wie vorgeschlagen bis herab zu einer Dosis von 0,1 mSv/a  zu regulieren, aber gleichzeitig zu motivieren, im betrieblichen Strahlenschutz die Exposition im Sinn der Strahlenschutzverordnung weiter zu minimieren?

Ein spannendes Thema, das die zukünftige Ausrichtung im Strahlenschutz nachhaltig beeinflussen kann. Ich danke dem „Club der Philosophen“ dafür, diese zentralen Fragen im aktuellen Strahlenschutz in diesem Papier zu benennen, in einem Diskussionspapier, das national und international durch den Fachverband verbreitet wird. Ich bitte Sie eindringlich, sich damit zu beschäftigen und auch Stellung zu beziehen.

Mit den Worten „Ich stehe hier und kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen!“ widerstand Martin Luther 1517, seine neue Lehre zu widerrufen. Das war standhaft. Es entsprach seiner inneren Überzeugung. In diesem Sinn dürfen neue Thesen mutig sein, sie müssen nicht bequem sein. Wir dürfen uns an den Meinungen reiben, gerne auch streiten, aber um der Sache willen. So kommen wir weiter.

Ihr Thomas Steinkopff